Wenn witzige Wünsche Wirklichkeit werden

Mittwoch, 1. Mai 2019, kleine Reportage zu einem aussergewöhnlichen Gleitschirmflug

Nach dem kühlen Aprilende und den bisher nur wenigen guten Flugtagen im ersten Jahresdrittel beginnt der Monat Mai heute sonnig und warm. Das ist super, solche Tage wünschen wir uns immer wieder, regen sie doch die Fantasie von uns Gleitschirmpiloten an und lassen uns aktiv werden!
Gemäss Prognose der Meteorologen erwarten uns am Tag der Arbeit rund 13 Stunden Sonnenschein und Temperaturen zwischen 18 und 22 Grad. Ein paar Nebelfelder am Morgen und wenige Quellwolken am Nachmittag stören kaum. Die Übersichten auf Soaringmeteo und in Regtherm weisen auf ansprechende Thermik hin, es gilt daher, den Tag zu nutzen.
Schon am Vorabend beschliesst unser GCE-Quartett (Peter C., Peter W., Rolf Z. und René A.) den Mittwoch als Flugtag zu planen, wir geben unsere Absicht preis und so schliesst sich ein Duo weiterer GCE-Piloten (Kari J. und Ueli H.) gerne unserem Vorhaben an.
Bei der Wahl des Startplatzes spielen verschiedene Überlegungen mit: Wo finden wir Verhältnisse vor, die uns trotz der noch immer grossen Schneemassen im Gebirge einen problemlosen Start erlauben? Wo sind wir vor der im Tagesverlauf schwächer werdenden Bise geschützt? Wo können wir mit genug Höhenreserve abheben, um den Einstieg in die angesagte Thermik zu finden? Welchen Ort erreichen wir mit dem öffentlichen Verkehr innerhalb nützlicher Frist? Wo müssen wir nicht mit einem enormen Pulk flughungriger Piloten rechnen? Wo entdecken wir das Potenzial für einen interessanten Streckenflug?
Die Antworten auf unsere Fragen grenzen die Wahl des Startplatzes relativ rasch ein: Wir fahren zur Grindelwaldner First!
Am Eingang zum Berner Oberland führen uns die unterschiedlichen Anreisewege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zusammen. Erst nach der Abfahrt in Thun reisen wir gemeinsam weiter, dabei bietet sich uns die Gelegenheit, allerlei Themen miteinander zu diskutieren. Wir besprechen, wie wir an der Grindelwaldner First das Zeitfenster nutzen wollen, das uns die Luftwaffe der Schweizer Armee zwischen 12:00 Uhr und 13:30 Uhr in der Restricted Area des LS-R6 (Mitttagspause Axalp) anbietet. Wir prägen uns die Eckpunkte der schmalen Zone und die maximale Flughöhe ein, welche im südlichen Teil des Luftraumes LS-R6 dank einer Sonderregelung auch während der Aktivierung der Sperre von uns Gleitschirmpiloten beflogen werden darf. Schliesslich unterhalten wir uns auch über mögliche Ziele, die wir heute fliegend erreichen möchten. Etwas schalkhaft, aber trotzdem mit dem Glauben an die Realisierbarkeit der Idee, sprechen wir angeregt über einen Flug und über die Routenwahl von Grindelwald nach Steffisburg. Wir erörtern, welches Feld zwischen Thun und Steffisburg nahe an einer Bushaltestelle liegt und darum als idealer Landeplatz anzusteuern sein wird. So verstreicht die Zeit im Nu, pünktlich erreichen wir Interlaken Ost und etwas später fahren wir bereits mit dem Bahnersatzbus ab Zweilütschinen nach Grindelwald. Um halb zwölf Uhr mittags treffen wir an der First auf die beiden Kollegen des GC Emmental, auch ein paar weitere bekannte Flieger sind anwesend, es sind Piloten, welche wir an verschiedenen Startplätzen immer wieder zu Gesicht bekommen. Vor dem Abstieg zum Startplatz gönnen wir uns an der wärmenden Sonne noch eine energiespendende Ovomaltine und beobachten dabei die ersten Paragleiter, die bereits in die Luft steigen. Kurz nach Freigabe des Startfensters stehen auch wir parat, doch zunächst müssen wir den Biplacepiloten den Vortritt lassen, damit sie mit ihren Gästen, welche kaum über wintertaugliches Equipment verfügen, zum Flug ins Tal abheben können. Anschliessend treffen wir die letzten Vorbereitungen und machen uns startklar.
 
Nach dem kurzen Anlauf durch den bereits etwas matschigen Schnee hebe ich um 12:43 Uhr ab, vor dem Startplatz an der First kann ich den ersten Thermikschlauch relativ leicht zentrieren und bald erlange ich genug Höhe, um auf knapp 2400 müM Richtung Waldspitz zum Furggenhorn vor die Reeti zu queren, wo ich mir noch etwas mehr Arbeitshöhe erkämpfe, bevor ich um 13:00 Uhr auf 2620 müM zum Weiterflug über Oberläger und Bussalp zur Bira ansetze, denn in einer halben Stunde wird die Luftraumsperre wieder aktiviert und ich habe das Gebiet, das uns während der Sperrzeit bloss eine maximale Flughöhe von 2250 müM erlaubt, noch nicht verlassen. An Südwestflanke der Bira kann ich noch einmal etwas Höhe gewinnen, diese hole ich mir mit dem bereits früher gestarteten Kollegen Peter C., zu dem ich hier nun aufschliessen kann, und dem nach mir ebenfalls an diesem Punkt eintreffenden Piloten Rolf Z., gemeinsam mit drei weiteren Fliegern ziehen wir unsere Kreise in der recht engen Thermik. Auf 2300 müM, hier an der Bira geht es für mich einfach nicht mehr höher hinauf, entscheide ich mich, aus der Restricted Area wegzufliegen. Ich verlasse den Luftraum LS-R6 um 13:12 Uhr auf einer Flughöhe von 2225 müM Richtung Loucherhorn, dem Gipfel auf dem Grat zur Schynige Platte. Ich hoffe, dass ich vor dem Weiterflug nach Interlaken noch einmal etwas Höhe gewinnen kann, doch am Loucherhorn muss ich feststellen, dass kein nutzbarer Aufwind zu finden ist. Schnell ist für mich klar, dass ich in dieser Situation mit der noch vorhandenen Höhe unverzüglich die 9,5 km lange Querung zum Amisbühl anpacken will. Denn aus der Ferne erkenne ich Piloten, die sich dort drüben deutlich über dem Startplatz bewegen und offensichtlich thermische Aufwinde nutzen können. Ich beschleunige meinen Sigma 10, mit welchem ich heute den 222. Flug realisiere, und fliege mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 47,5 km/h auf direktem Kurs nach Nordwesten, dabei habe ich Zeit, das beeindruckende Panorama zu geniessen und einige Fotos zu knipsen. Zwölf Minuten später erreiche ich den ersten Thermikschlauch vor dem Amisbühl, aus einer Höhe von 1140 müM drehe ich wieder auf. Der Blick zurück liefert mir die Gewissheit, dass mir Peter C. und Rolf Z. folgen. Wenig später gewinnen wir miteinander erneut an Höhe, wir haben die lange Querung über Interlaken hinweg erfolgreich gemeistert. Wir können also den nächsten Abschnitt unseres Fluges ins Auge fassen, das ist toll.
Per Funk erfahre ich, dass der vierte Pilot unseres Quartetts, Peter W., deutlich nach uns in Grindelwald gestartet und nun ebenfalls Richtung Interlaken unterwegs ist. Die beiden anderen Begleiter des GC Emmental haben sich eigene Ziele gesteckt, Ueli H. geniesst einen Flug in der Region Grindelwald und landet später im Grund, wo er sein Fahrzeug stationiert hat, Kari J. fliegt auf der besonnten Südseite des Gebirgszuges bis zur Schynige Platte, um danach gemütlich in Interlaken zu landen.
Während einer knappen halben Stunde fliegen Peter C., Rolf Z. und ich schliesslich zu dritt über dem Startplatz Amisbühl und dem Weiler Waldegg, ohne dabei entscheidend höher zu kommen. Aber einmal mehr bestätigt sich in dieser Phase die Redensart «Geduld bringt Rosen». Wir geben nicht auf und glauben an die Fortsetzung unseres fliegerischen Abenteuers. Um 14:00 Uhr erreichen wir am Skiliftende Hohwald wieder kräftigere Thermik, das Niederhorn rückt kontinuierlich näher. Bereits 17 Minuten später fliege ich über die Antenne am Niederhorn, hier verweile ich rund 300 m über dem Gipfel, geniesse die Aussicht auf die bezaubernde Landschaft und den Thunersee. Ich warte auf meine beiden Kollegen.
Ja, es ist erstaunlich, wie es uns heute immer wieder gelingt, gegenseitig zur Gruppe aufzuschliessen und miteinander voranzukommen, obwohl nur zwei Piloten über eine Funkverbindung verfügen. Um 14:26 Uhr leite ich die nächste Phase meines Fluges ein, ich fliege an den Sigriswilergrat und peile den Aussichtspunkt auf der Blueme an, Rolf Z. und Peter C. tun es ebenso. Beim Flug zur Blueme, die ich auch schon auf dem Landweg besucht habe, macht sich die Bise bald stärker bemerkbar, sie verzögert das Vorwärtskommen und vermindert die Höhenreserve. Noch einmal finde ich hier aber etwas Thermik und auf 1785 müM leite ich um 14:41 Uhr die finale Phase meines Fluges ein. Ich bin mir jetzt recht sicher, dass ich das Ziel in Steffisburg im Gleitflug erreichen kann. Via Heiligenschwendi und Goldiwil erreiche ich um 14:50 Uhr den Heimbüel südöstlich von Steffisburg auf einer Flughöhe von 1275 müM. Über der steilen Nordflanke des Dorfhaldewaldes gewinne ich innerhalb von zehn Minuten noch einmal 430 m Höhe, dabei holt mich auch Peter C. wieder ein, während sich der nachrückende Rolf Z. entschliesst, beim Skilift in Homberg sicher zu landen. Schliesslich gleite ich mit «Papa Charly» in stolzer Höhe über Steffisburg zum Hartlisberg, bevor ich den Endanflug zum vorgesehenen Landeplatz einleite. Erfüllt von einem unbeschreiblichen Glücksgefühl und vielen grandiosen Eindrücken beende ich nach einer Flugzeit von 2 h 32 min und einer freien Strecke von 36,79 km den 2717. Flug meiner Karriere als Gleitschirmpilot.
Ein fantastisches Highlight habe ich heute mit meinen Kollegen erlebt. Spannend war es, eine schalkhaft gesponnene Idee Wirklichkeit werden zu lassen! Dieser Flug aus dem noch immer winterlich geprägten Startgebiet an der Grindelwaldner First nach Steffisburg in den Frühling bleibt unvergesslich. Herrlich sind die Impressionen, die ich mit meinen Begleitern auf dieser Reise einfangen durfte. Zum Ausklang des Tages gönnen wir uns in Thun eine köstliche Pizza und ein Glas Wein, wir geniessen die Geselligkeit und die berauschenden Gefühle, die uns nach diesem fantastischen Flug erfüllen.
 
Es macht Sinn, sich stets ein Ziel zu setzen: "You can get it, if you really want. But you must try, try and try! You’ll succed at last."
 
René Affolter, SHV #6974